Rap Up: Hangout mit Meller

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Wer sich mit Bochumer HipHop-Kultur im Allgemeinen und Rapmusik im Speziellen beschäftigt, wird früher oder später zwangsläufig auf einen Namen stoßen – Meller. Der Bochumer Rapper, der mit bürgerlichem Namen Manuel Meller heißt, begann Mitte der 1990er mit Graffiti und fokussierte sich etwas später auf Rap. Seitdem veröffentlich Meller in regelmäßiger Unregelmäßigkeit seine Musik: Sein Album To The Bone wurde im Dezember 2009 vom Magazin Juice zum Indie-Album des Monats gekührt, weitere Kollaborationen mit anderen Rappern folgten und seine kürzlich erschienene Vinyl-LP Meller On Wax Vol. 1 ist bereits restlos vergriffen. Doch auch ohne Mikrofon in der Hand ist Meller umtriebig: Er begründete mit dem Schuster’s Corner und der Superior Session zwei wichtige Szenetreffpunkte in der Stadt und organisiert heute Workshops für Kinder und Jugendliche, um sie mit HipHop in Berührung zu bringen. Als langjähriger Akteur der Szene ist er meistens involviert, wenn es um HipHop in Bochum geht. Im Rahmen der Superior Session hatte die Bochumer Projektgruppe die Möglichkeit, mit Meller die Ergebnisse des Forschungsprojekts zu reflektieren und den Status Quo von HipHop-Kultur und Rapmusik in Bochum zu besprechen.

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Style & Skill I: Graffiti in Bochum

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Graffiti ist in seinem Wesen nichts Neues, vielmehr etwas Uraltes: Die grundlegende Praxis des Schreibens und Malens an Wänden, Felsen, Bäumen oder anderen Objekten lässt sich bereits bei den frühen Menschen finden. In seinem modernen Verständnis jedoch wird Graffiti für gewöhnlich als Element der HipHop-Kultur verstanden und folgt der gleichen Maxime: Es dreht sich alles um Style und Skill. Es gibt einige ungeschriebene Regeln innerhalb der Gemeinschaft, wie beispielsweise ein farbiges Bild nicht mit Chrom zu übermalen oder immer zu versuchen, ein besseres Bild als das vorherige zu erschaffen. In den Augen der meisten Menschen ist Graffiti – zumindest in seiner illegalen Erscheinungsform – mit Vandalismus gleichgestellt, daher halten sich Graffiti-Writer für gewöhnlich bedeckt, wenn es um ihre Aktionen geht. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich Graffiti seine Untergrund-Attitüde bewahrt, auch aufgrund drohender Strafverfolgung. Die Gruppe der Eingeweihten bleibt überschaubar.

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Style & Skill II: Interview mit Bochums Graffiti-Crew iOR

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Nicht alle Writer nehmen die stress-freien legalen Wände an, die die Stadt bereitstellt. Ihrer Meinung nach braucht Graffiti keinen ausgewiesenen Platz: Als Kultur, die auf der Straße entstanden ist, gehört sie genau dort hin und die ganze Stadt ist eine Leinwand. In Bochum gibt es einige Crews, die nachts die Straßen, Dächer und Züge der Stadt anmalen. Eine der bekanntesten Crews ist iOR. Die Bochumer Projektgruppe hatte die Gelegenheit, ein Gespräch mit einem ihrer Mitglieder zu führen. Er ist seit 17 Jahren aktiv und wird aus offensichtlichen Gründen anonym bleiben.

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Style & Skill II: Interview with Bochum’s Graffiti Crew iOR

Not all graffiti writers embrace the hassle-free legal walls the city provides them with. In their opinion, graffiti does not need a designated space: As a culture which came from the streets, it belongs right there and the whole city is a canvas. There are several crews in Bochum painting the streets, rooftops and trains by night and of the most prominent in Bochum is iOR. The Bochum project group had the chance to have a talk to one of its members. He has been an active for the last 17 years – and for obvious reason, he will remain anonymous.

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Die HipHop-Kultur in Essen: Eine Einführung

Während der letzten Jahrzehnte ist Rap-Musik zu einem der angesagtesten Musik-Genres in Deutschland geworden. Seit den 1980ern ist Essen bereits die Heimat von bekannten Rappern, wie etwa die 257ers, Favorite, Sinan G, Manuellsen, 3Plusss und PA Sports. Diese MCs sind sogar über die Grenzen von Essen hinaus bekannt und genießen großes Ansehen unter Kennern. Aber dies ist nur die Spitze des HipHop-Eisbergs Essen. In der Szene wird sogar gemunkelt, dass Essen die HipHop-Hochburg des Ruhrgebietes sei.

Im Rahmen des Projekt-Seminars Mapping Hip-Hop Culture: The Ruhr Area befasste sich unsere Gruppe, bestehend aus Fabienne Strohmer, Mariana Bittermann und Julian van Essen, mit der HipHop-Szene in Essen. Da all unsere Gruppenmitglieder Studenten der Angewandten Literatur- und Kulturwissenschaften sind, war das Seminar thematisch von besonderem Interesse und Nutzen für uns alle.

Während unserer Forschungsarbeit haben wir viel Zeit damit verbracht nicht nur Rap-Musik, sondern auch Graffiti, als eine weitere Unterkategorie von HipHop, in Essen zu erforschen. Dabei haben wir zahlreiche Interviews mit Sprayern, MCs und institutionellen Einrichtungen geführt, bei denen wir uns schwerpunktmäßig mit der Rolle von HipHop für die Leute und dem lokalen Wert des Genres in der Großstadt beschäftigt haben.

 

Das Gruppenprojekt: Eine HipHop-Landkarte von Duisburg

Während unseres Seminars Mapping Hip Hop Culture in the Ruhr Area fuhr unsere Gruppe einige Male in die Stadt Duisburg. Diese befindet sich im Westen des Ruhrgebiets und ist als ein bedeutender Industriestandort bekannt. Während unserer Besuche sprachen wir mit Involvierten der Hip Hop Szene, wie beispielsweise Erziehern und Sozialarbeitern als auch mit einem Ladenbesitzer. Duisburg-Hochfeld stach bei der Recherche als Hauptlokation der Szene heraus. Der Stadtteil weist einen hohen Immigranten- und Armutsanteil auf und zeigt Spuren der Deindustrialisierung. Vielleicht gerade wegen begrenzter Mittel fanden wir hier besonders viel Potential junger Menschen.

Der Erzieher und Rapper Tomek gab uns einen Einblick in seine Arbeit, seine Methoden und Prinzipien des Projekts „Multikulti“. Jene bestätigte der Sozialarbeiter Tony, der seit geraumer Zeit mit Jugendlichen in Duisburg-Hochfeld arbeitet. Außerdem sprachen wir mit aktiven Rappern dieser Stadt, die uns ihre Meinung und Perspektive über HipHop in Duisburg mitteilten. Während unserer Besuche, erlebten wir den Rheinpark als einen Ort, der den Leuten Raum bietet, ihre Kreativität frei zu entfalten. Aber auch der Turn Headshop gab uns einen Einblick in die HipHop-Kultur von Duisburg.

Die Erfahrungen, die wir in Hochfeld sammelten, die sozialen Probleme, aber auch die mentale Stärke und Kreativität der Menschen, erinnerte uns stark an die Bronx in New York City. Daher entschieden wir uns dafür, unser Gruppenprojekt in einer HipHop Karte von Duisburg darzustellen, in der wir unsere Ergebnisse sichtbar machen konnten. Inspirationen gab uns das bekannte Buch Born in the Bronx, welches ebenfalls eine HipHop-Karte der Bronx enthält.

Herne and its Hip Hop Activists

Agora: “We want to connect Hip Hop activists”

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Agora considers itself as a Hip Hop collective of musicians and poets. In 2015, the crew Freshe Connection (MC Verbal & Si2Dman) and the rapper and bassist Hermes Kannakis created the vision to establish Agora as an open platform for local artists. The collective seeks to encourage collaboration among various artists and musicians. They also acknowledge Hip Hop’s educational approach and  want to use it as tool for getting a message across. In this spirit they spread the values of Hip Hop across the Ruhr Area: Peace, Love, Unity and Having Fun.

 

M.I.K.I: “My Hip Hop meeting point is my studio”

M.I.K.I

M.I.K.I, Foto: Romina Nowosatko.

Michél Puljic alias M.I.K.I is probably the most successful rapper from Herne. Born in Castrop-Rauxel, the 27-year-old rapper grew up in Herne-Börnig where he still lives today. Since 2013 he has been part of the Dortmund-based independent label Kopfnussmusik. In the same year, his first album Malochersohn entered German charts on the 94th place – quite high for an artist from the small city in the Ruhr Area.

With his music, M.I.K.I combines his three passions: soccer, rap, and the Ruhrpott. Hip Hop means to M.I.K.I more than just music as it “stands for expressing one’s opinion, also if it’s not that nice. Hip Hop stands for creativity, for many it is an outlet – for me as well.” For the whole-hearted local patroit, the Ruhr Area represents honesty, a down-to-earth attitude, and social cohesion. This can be seen in the track “Ruhrpott” which he recorded with Dortmunder artists Reece and Sonikk:

 

Pottporus: “We are the Center”

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Pottporus has been a registered society since 2007 and is based in Herne. It is characterized by urbanity and street art and combines those elements with established art forms. The Pottporus comprises the Junges Pottporus (Young Pottporus) addressing young people, the dance productions of the dance theater group Renegade, the annual Pottporus Urban Street Art Festival and the Danceschool. The society supports young creatives and tries to open up new perspectives for them. Pottporus considers itself as a network of artists, inspiring new ideas.

Rapmusik in Essen boomt: Ein Interview mit 3Plusss und BudMH

Straßenrap als “Profilierungsmusik”

3pluss

Der Rapper 3Plusss. Foto: privat.

“Es ist sehr viel Straßenrap – das ist ja hier so das gängige Ding.” Für den Essener Rapper 3Plusss ist diese Musikrichtung mit die häufigste, die er aus vorbeifahrenden Autos in seiner Heimatstadt hört. Musiker wie Farid Bang, Kollegah oder Massiv sind hier gefragt. Besonders im Essener Norden, Altenessen, dem Stadtteil, in dem er aufgewachsen ist, werde diese Musik häufig gehört: „Viele Leute hören so eine Musik zum Ego-Pushen.” 3Plusss beschreibt die Rolle von Rapmusik in Essen als „Profilierungsmusik:“ Die Konsumenten fühlen sich “cool” dadurch und können sie träumen, selbst mal Musik zu produzieren.

Hörbar ist diese Art von Rapmusik beispielsweise in dem 2015 erschienen Song “Alemania Westside” (2015) der Essener Rapper PA Sports und Manuellsen. In diesem wird der Alltag in verschiedenen Essener Brennpunkten beschrieben und somit ein grundlegendes Lebensgefühl in der Stadt ausgedrückt. Dabei wird das lokale Zusammengehörigkeitsgefühl und die Bedeutung der Region immer wieder betont:

Egal wohin wir Reisen

Wir bleiben Zuhause auf der besten Seite

Und zwar auf der Westside, Baby

Reisen in die Ferne, doch tragen unsre Hood in unsren Herzen

Bleiben auf der Westside, Baby

Wir haben alles schon geseh’n, aber nichts davon ist so wie NRW

Auf der Westside, Baby

Die und die und die und die, ein Revier

(“Alemania Westside”)

Für 3Plusss selbst allerdings ging es beim Musikmachen eigentlich immer nur um den Spaß: „Grundsätzlich ist das einfach eine kreative Ausdrucksform der eigenen Persönlichkeit. HipHop ist ein Ventil, so wie Malen.“ Die Jahre 2008 und 2009, in denen er angefangen hat Rapmusik zu produzieren, beschreibt er als toten Punkt für den deutschen HipHop. Für ihn waren die ersten richtigen Pioniere Künstler wie Marteria oder Casper mit den Alben Zurück in die Zukunft (2010) oder XOXO (2011).

3Plusss’ Vorbilder aus Essen sind der Rapper und DJ BudMH und der Musiker Chaosallianz. Allerdings betont er auch, dass Essen eher eine der Pionierstädte für Graffiti war. Bestimmte Künstler konne er leider nicht nennen, weil viele Graffitis illegal gesprüht werden und es daher schwierig ist die Künstler namentlich zu nennen.

BudmH

Der Rapper BudMH. Foto: privat.

Hinsichtlich der Rapgenres sind sich die beiden Künstler 3Plusss und BudMH aber einig, denn auch für BudMH ist Streetrap die Richtung, die am häufigsten in Essen gehört wird. Bei dieser Art von Rapmusik benutzen die Emcees häufig Schimpfwörter. Außerdem werden im Streetrap Statussymbole, wie zum Beispiel schnelle und teure Autos, große Häuser und schöne Frauen, sehr häufig thematisiert.

BudMH erklärt die Popularität des Straßenrap-Genres im Ruhrgebiet:

Das ist nicht nur hier in Essen, sondern überall ziemlich auf einem aufsteigenden Ast beziehungsweise erlebt gerade einen ziemlich großen Hype. Da ist es in Essen auf jeden Fall auch so, dass es hier meiner Meinung nach ziemlich viele Straßenrapper gibt.

Außerdem spielt beim Straßenrap auch die soziale Stellung eine große Rolle. Straßenrap wird oft mit dem Essener Norden in Verbindung gebracht, weil dieses Viertel eher als eins der Ärmeren gilt. Hier ist dieses Musikgenre am weitesten verbreitet, weil die Jugendlichen einen geringen Bildungsstand haben und in ihrem privaten Leben genau so sprechen, wie es die Rapper es in ihren Texten tun. Außerdem macht ihnen diese Musik Mut, dass sie auch irgendwann berühmt sein könnten, auch wenn sie jetzt noch unbekannt und etwas ärmer sind, als die durchschnittliche Gesellschaft.

Die Essener HipHop Musik als “Mainstream”

Wofür Essen sonst so steht? Ich sag mal, für ehrlichen Ruhrpott-Rap. Da gibt es auf jeden Fall die ganzen Untergrundleute, die ich jetzt so kenne, die versuchen das ganze HipHop-Ding zu verkörpern und die leben das auch so.

Einer der Hotspots für die HipHop-Kultur in Essen, wo sich viele Untergrundrapper getroffen haben, war früher zum Beispiel die Veranstaltung Essen Original. Für BudMH war die HipHop-Bühne auf dem Fest eine feste Anlaufstelle und der Anfangspunkt seiner künstlerischen Karriere:

Das war das einzige Ding, wo sich so die HipHopper in Essen getroffen haben. Da hat man zwar immer noch nicht miteinander geredet, aber da waren alle auf einem Haufen.

Essen original

Essen Original (2015). Foto: privat.

Aufgrund einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen den Besuchern der HipHop-Bühne mussten sich die Künstler in den kommenden Jahren mit den Metal-Musikern eine Bühne teilen. Andere lokale Hotspots gab es seither in Essen nicht wirklich. Trotzdem ist es für BudMH immer noch “seit Jahren, unangefochten die Jugendkultur Nummer eins.” Das bezieht er nicht nur auf die Stadt Essen oder das Ruhrgebiet, sondern auf die Welt. HipHop bietet immer wieder Gesprächsstoff und in der heutigen Zeit erregen Rapper auch immer wieder Aufmerksamkeit durch sogenannte „Disstracks.“ 3Plusss beschreibt dieses Verhalten als „Beefkultur,“ womit er das gegenseitige musikalische Diffamieren zweier Rapper anspricht, das heutzutage gerade bei jungen Menschen Anklang findet.

Fazit

Unsere Interviews zeigen, dass Rapmusik in Essen ist hauptsächlich Straßenrap ist. Bekannte Künstler wie Sinan G, Favorite oder auch KC Rebell dominieren die Essener Musikszene mit ihren hartem Reimen und Beats. Dabei ist der Essener Norden als Zentrum der HipHop-Szene auszumachen. Dies steht im Zusammenhang mit der sozialen Benachteiligung des dortigen Stadtteils und deren jüngere Anwohner identifizieren sich deshalb eher mit dem Genre des Streetrap. HipHop in Essen fungiert somit offenbar vor allem als Identifikationsmittel für einen selbst, das darüber hinaus den Zusammenhalt eines Stadtteils oder gar einer ganzen Region, in diesem Fall des Ruhrgebietes, auszudrücken vermag.

ich habe hip hop nicht verstanden

“Ich habe HipHop nicht verstanden.” Hat 3Plusss HipHop wirklich nicht verstanden? Foto: privat.

Darüber hinaus ist festzustellen, dass Rapmusik in Essen nicht oder eher nicht mehr mit den anderen Bereichen der HipHop-Szene zusammenhängt, wie zum Beispiel Graffiti oder Breakdance. Eine Tendenz, dass Musiker gleichzeitig vermehrt sprayen oder auflegen gibt es nicht. In seinem 2014 erschienen Song „Ich habe HipHop nicht verstanden“ bringt 3Plusss auf ironische Art und Weise zum Ausdruck, dass man, im Gegensatz zur Meinung zahlreicher Rapper, um Hip Hopper zu sein sich nicht zwangsläufig mit der gesamten Szene identifizieren muss:

Ich habe nie gebreakt oder gedeejayt

Und bis auf Wella oder Axe auch nicht gesprayt

Ziemlich fake, ich besaß nie ein Tape

Und hatte besseres zu tun als zu ’nem Freestyle gehn’ Bitch

Ich bin in den 90ern gebor’n

Und war, als Torch gerappt hat, noch feucht hinter den Ohr’n

Ich will die Zeit von damals wirklich nicht bewerten

Doch hieß es nicht, dass das geil sein soll, dann würd ich es nicht merken.

(“Ich habe HipHop nicht verstanden”)

Man merkt hier, dass es 3Plusss bei seiner Musik offenbar nur um den Spaß ging. Er hatte es anfangs nicht darauf abgesehen, dass er berühmt damit wird, da er „besseres zutun hatte“ als bekannt zu werden und sich selbst zu verkaufen. Insgesamt ist für 3Plusss HipHop schon längst keine Randmusikrichtung mehr, auch in Essen nicht:

Hip Hop ist sehr wichtig in Essen, denke ich. Aber ich glaube, HipHop ist allgemein wichtig, das ist gar nicht so auf Essen bezogen. HipHop ist cool. HipHop ist angesagt. HipHop ist längst Mainstream. HipHop muss sich nicht mehr dem Mainstream beugen, sondern der Mainstream vielmehr dem Hip Hop.

Graffiti-Geschichte in Essen: Kreative statt kriminelle Energie

Für unsere Nachforschungen zur Entwicklung der Graffiti-Szene in Essen haben wir mit lokalen Künstlern und Organisatoren gesprochen. Dabei haben wir herausgefunden, dass die Geschichte von Graffiti in Essen die Geschichte von Künstlern ist, die für die Akzeptanz und Institutionalisierung von Graffiti arbeiten.

Der Anfang

the Top nodge

David Hufschmidt (links) mit einem befreundeten Sprayer. Foto: privat.

Für den Grafikdesigner David Hufschmidt, der als Graffitikünstler auch als The Top Notch bekannt ist, ist klar, wo die Essener Graffiti-Szene gestartet hat. „Essen-Steele. Hier kommen die ersten Essener Sprayer her.“ Eine andere Meinung hat der Mülheimer Rapper, DJ und gelegentlicher Sprayer Bud MH. Für ihn liegt der Ursprung nicht nur in Steele, sondern generell entlang der S-Bahn-Strecke. Zum Zeitpunkt unseres Seminars konnten wir allerdings keine der beiden Aussagen näher verifizieren. Dies zeigt aber, dass die Anfänge von Graffiti in Essen umstritten sind.

erstes graffiti

Piece am Jugendzentrum: Das erste Essener Graffiti? Foto: privat.

Allerdings konnte uns The Top Notch noch mehr zu den ersten Graffiti-Pieces in Essen-Steele erzählen, die seinen eigenen Werdegang beeinflussten:

Einige der Grafitti aus den 1990ern gibt es teilweise sogar noch, zum Beispiel am Jugendzentrum am Hünninghausener Weg. Da steht sogar noch eine 1992 beim Graffiti an der Wand. Da war ich 13. Damals habe ich auch schon ein Auge dafür gehabt. Ich fand das völlig faszinierend und habe mich gefragt, was für Leute das sind, die eine ganze Wand so anmalen.

Von der Illegalität in die Legalität

The Top Notch fing dank seines Kunstlehrers auch mit Sprayen an. Schnell lernte er darüber Leute auch in anderen Städten des Ruhrgebiets und darüber hinaus kennen. Vor allem aber innerhalb von Essen und konkreter noch in Steele bildete sich für ihn ein Netzwerk aus Sprayern und Freunden. 2010 ergriffen sie dann die Initiative und wendeten sich an das Jugendamt der Stadt, um legale Freiflächen zum Sprayen zu schaffen:

Wir haben der Stadt Essen gesagt, dass wir Freiflächen brauchen, wo wir Bilder malen können, die auch mal länger stehen als eine Woche. Das Jugendamt hielt das für eine gute Idee und hat uns gefragt, welche Flächen wir wollen. Daraufhin sind wir durch ganz Essen gezogen mit ein paar Leuten und haben von attraktiven Flächen Fotos gemacht. Der Besitzer war in der Regel „Straßen NRW.“ Denen gehört fast jede Brücke, die irgendwie an einer Straße liegt. Bis die Genehmigungen von ihnen kamen, hat das dann noch einmal ein halbes Jahr etwa gedauert, aber dann stand das Freiflächenprojekt. Das Projekt wird mit Patenschaften betreut, unter anderem durch die Sprayer selber. Die Verwaltung selber liegt beim Jugendamt Essen, aber die Betreuung liegt bei uns.

Dank der Initiative von The Top Notch und den anderen Künstlern, die an der Realisierung des Freiflächenprojektes gearbeitet haben, gibt es nun mehr legale Angebote für Graffiti in Essen.

Gerd Dubiel

Gerd Dubiel vom Jugendamt Essen. Foto: privat.

Gerd Dubiel arbeitet beim Jugendamt Essen und ist dort für das Projekt verantwortlich. Laut seiner Einschätzung habe es vorher immer nur vereinzelt Graffiti-Projekte mit dem Jugendamt gegeben. Vorbild für das Freiflächen-Projekt sei Bochum gewesen, die als erste Ruhrgebietsstadt Freiflächen im größeren Stil freigegeben hat. Dann folgte Essen:

Theoretisch, konzeptionell steckt eben dahinter, dass wir vom Jugendamt der Meinung sind, dass so eine Großstadt wie Essen die Möglichkeit für junge Sprayer bieten muss, legal sprühen zu können. Und dahinter steckt dann halt auch so eine theoretische Annahme, dass da eher eine kreative statt eine kriminelle Energie hinter steht.

Dementsprechend hilft das Essener Jugendamt die kreative Energie von Jugendlichen zu kanalisieren, Jugendliche, die an Graffiti interessiert sind und sonst vielleicht Vandalismus betgangen hätten. Trotzdem haben illegale Graffitis laut The Top Notch seit 2010 trotzdem nicht nachgelassen.

Es gibt Leute wie uns, die Bock haben, den ganzen Tag an einer Wand zu stehen und sich vorher viel Gedanken dazu machen, was sie überhaupt sprayen. Es gibt aber auch genau die Leute, die genau das nicht wollen. Hauptsache Nervenkitzel.

Die Freifläche in Essen-Werden jedoch ist ein Beispiel dafür, dass nicht alle illegalen Graffitis nur Tags sind. Direkt gegenüber von der Freifläche ist ein aufwändiges, illegales Graffiti, auf dem verschiedene Tier- und Menschköpfe abgebildet sind.

Der Hafen dampft und sprüht: Internationale Graffiti-Kunst beim Hafendampf-Festival

Seit 2013 gehört zu der Essener Graffiti-Szene nun auch das jährlich stattfindende „Hafendampf-Festival.” Künstler innerhalb und außerhalb des Ruhrgebiets werden eingeladen, um ein Wochenende lang größere Wandbilder an verschiedenen Orten Essens zu erschaffen. Die Besucheranzahl stieg stetig in den letzten Jahren stetig an und Künstler aus der ganzen Welt nehmen inzwischen am Festival teil. Mit diesem Festival wird die Essener Graffiti-Szene nicht nur weiter dekriminalisiert, sondern auch zelebriert.

Graffiti heute
Wichtig für die Graffiti-Szene in Essen sind die Freiflächen, welche vom Jugendamt verwaltet und von Graffiti Künstlern betreut werden. Auffallend dabei ist, dass die Flächen zwar über die ganze Stadt verteilt sind, aber sich vor allem im Norden konzentrieren. Der Norden Essens ist tendenziell dichter besiedelt und ärmer, während der Süden reicher und weniger dicht besiedelt ist. Die Verteilung kann also daran liegen, dass sich an eher reicheren Wohnsiedlungen weniger Wände anbieten oder dass sich die Graffiti-Künstler eher im Norden der Stadt aufhalten.

Neben Autobahnbrücken sind die Freiflächen häufig an Jugend- oder Kulturzentren zu finden. Das scheint einen Trend in Essen widerzuspiegeln, Graffiti an Jugendzentren anzubinden. Das Weigle-Haus, welches von The Top Notch sowie dem Rapper BudMH erwähnt worden sind, ist ein Jugendzentrum. Das Jugendzentrum HüWeg, an dessen Wand sich das Graffiti von 1992 befindet, bietet bis heute wöchentlich Graffiti-Workshops an. Dementsprechend scheint Graffiti in Essen ein institutionalisiertes Freizeitangebot für Jugendliche zu sein.

Freifläche3 Details (3)

Graffiti-Kunst auf einer Freifläche in Essen-Kupferdreh. Foto: privat.

Fazit
Graffiti in Essen scheint in zwei Bereiche aufgeteilt zu sein: Künstlerische, aufwendigere Graffitis, und die Graffitis, die vor allem für den Nervenkitzel schnell irgendwo hingesprüht werden. Für die künstlerischen Graffitis gibt es inzwischen viele legale Freiflächen. Die Initiative, diese legalen Wege zu schaffen, ging vor allem von den Künstlern selber aus. Deren Erfolg bestand allerdings auch in der Kooperation mit den offiziellen Stellen der Stadt.

Die Praxis des Taggens hingegen scheint in Essen stark mit der eigenen Identifizierung und Territorialisierung verbunden zu sein. Tagger scheinen zeigen zu wollen, wo sie herkommen. Lokale, patriotische Tags sind in bestimmten Stadtteilen zu finden und propagieren Essen als Graffiti-Metropole Deutschlands.

Interessanterweise scheint es so, dass die anderen Dimensionen der HipHop-Kultur, wie z.B. DJing oder B-Boying, fast keinen Einfluss auf die Entwicklung von Graffiti in Essen gehabt haben. Weitere Bilder von Freiflächen und Graffitis in Essen findet ihr hier.

„Duisburg hat den Bronx-Touch“: Ein Interview mit Tomek

Duisburg ist eine dergrößten Städte des westlichen Ruhrgebiets und dabei auch eine Stadt, die stets zu kämpfen hat. Probleme wie Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität sind an der Tagesordnung. Besonders das Leben der jüngeren Generation ist davon beeinträchtigt. Rapper, Erzieher und Sozialarbeiter, die wir während unserer Projekts trafen, zeigten sich bezüglich der Situation frustriert.

Dabei ermöglicht Hip Hop und besonders Rapmusik jungen Menschen einen Weg, ihre Sorgen, Ängste und Hoffnungen kundzutun. Durch Musik können sie ihre Gefühle, inneren Konflikte, Frustrationen, als auch gesellschafts- und politikbezogene Kritik äußern. HipHop eröffnet ihnen eine Perspektive.

Wie wir bei unserer Recherche erlebten, motiviert die Kultur junge Menschen, kreativ zu werden und etwas auf die Beine zu stellen.

Eine HipHop-Karte von Duisburg

Was Duisburg besonders macht, sind die zahlreichen Facetten, die die Stadt bietet. Im Rahmen unseres Projektes haben wir eine HipHop-Landkarte von Duisburg kreiert. Lerne die lokale Szene kennen, indem du durch unsere U-Bahn-Karte fährst, durch die du dir über die vielen Linien einen Überblick verschaffen kannst.

Grüne Linie = Rapper

Gelbe Linie = Soziale Arbeit

Blaue Linie = Clubs

Lila Linie = Headshop

Rote Linie = Graffiti

Hier gelangst du zu unserer HipHop-Landkarte von Duisburg.

Wir wünschen Dir eine gute Fahrt!