The Sound of Bochum: Rap mit Rheza

[English version here]

Wie die meisten anderen (Sub-)Kulturen auch produziert HipHop seine eigenen kulturellen Artefakte. Die bekanntesten dieser Artefakte sind die Songs und Alben, die von Rappern gemeinsam mit DJs, Beatmachern und Musikproduzenten geschaffen werden. Im Laufe der Jahre hat die Bochumer HipHop-Szene einige bemerkenswerte Veröffentlichungen hervorgebracht, die gemeinsam mit anderen Künstlern wie Creutzfeld & Jakob, Too Strong, OnAnOn, Dike und weiteren das Ruhrgebiet auf die deutsche Hip-Hop-Karte brachten. Besonders zu nennen ist hier RAG [Ruhrpott AG], eine Crew, die aus den Bochumer Aphroe, Pahel und Galla sowie dem DJ Mr. Wiz bestand. Eines der herausragendsten Hip-Hop-Alben aus Bochum ist zweifellos Unter Tage von RAG. Noch heute wird das Album, das bereits 1998 veröffentlicht wurde, von Kritikern und Fans als Meilenstein für deutschen Rap gewürdigt und für seine ausgiebigen und komplexen Wortspiele, den unverwechselbaren Sound und authentischen Charakter geschätzt.


Rheza Zarrinkar (36) rappt unter seinem Vornamen Rheza und ist seit fast 20 Jahren Teil der Bochumer Rapszene. Er hat Alben mit befreundeten Rappern veröffentlicht, mit zahlreichen Rappern aus dem Ruhrgebiet zusammengearbeitet und ist sowohl als Solo-Künstler als auch als Backup-MC bei RAG-Konzerten aufgetreten. Im Rahmen der Recherche für dieses Projekt konnte er etwas Zeit finden, um über Rapmusik aus Bochum zu sprechen und seine Erfahrungen zu teilen.

Rheza, du bist seit fast zwei Dekaden Teil der Bochumer Rap-Szene. Was sind für dich besonders prägende Momente und Künstler?

Aus persönlicher Sicht war es auf jeden Fall RAG – sowohl mit Pahel den Track Katzensprung für sein Album zu machen als auch die Jungs live als Backup-MC zu unterstützen. Das und mit Aphroe aufzutreten und Texte zu schreiben gehört zu den prägendsten Erfahrungen für mich. Ich würde auch sagen, dass RAG das Signifikanteste ist, das Bochum je hervorgebracht hat. Punkt. Die Jungs haben es geschafft, auch überregional Gehör zu finden. Das ist etwas Besonderes, weil die Rapper hier in Bochum wie auch im restlichen Ruhrpott eher eigenbrötlerisch unterwegs sind und nie so richtig deutschlandweit auf den Plan treten, wie beispielsweise Hamburg oder Stuttgart. Obwohl das Potential komplett vorhanden ist.

Es scheint so, als finde HipHop-Kultur in Bochum primär in Wohnzimmern und Kellern statt.

Ja, das stimmt auf jeden Fall. Ich zum Beispiel hänge oft in Eppendorf [ein Stadtteil von Wattenscheid, welches 1974 von Bochum eingemeindet wurde] ab und mache da seit 15 Jahren Musik. Das fing immer im Keller an und wir nehmen immer noch dort auf, wo wir es schon seit 15 Jahren tun.

Wie hast du die Szene wahrgenommen, als du zum ersten Mal mit ihr in Kontakt getreten bist?

Es war wie eine große Gemeinschaft, die mich aufgenommen hat. Natürlich ist jeder Mensch unterschiedlich und während einige Leute sehr offen im Sinne von „each one teach one“ sind, sind eben andere lieber für sich. Aber als ich erstmal im Kreis drin war, habe ich die Community als sehr offen wahrgenommen. Nicht nur in Bochum, sondern überall. In fast jeder Stadt in Deutschland gibt es diesen einen Ort, diese eine Ecke wo sich Leute treffen und was machen, wo man Leute mit demselben Background finden kann. Daher gab es für mich immer etwas zu lernen.

Welche bedeutenden Veränderungen hast du seitdem in der Szene beobachtet?

Generell ist alles sehr schnell und kurzlebig geworden: Heute ein Song, morgen ein neuer. Alles sehr rasant. Ich bin da selbst nicht mehr so drin. In Bochum haben viele Leute aufgehört zu rappen, aber auch viele neu angefangen. Es kommen ja auch immer wieder neue Leute dazu, Bochum ist eine Studentenstadt. Daher gibt es immer ein paar frische Gesichter, die Anschluss in der Szene finden und frischen Wind reinbringen.

Wie würdest du die Zahl aktiver Akteure in der Bochumer Rapszene einschätzen?

Ich würde sagen, so um die 40 Leute. Es sind auch eigentlich immer die gleichen Leute, die man regelmäßig trifft. Oder die man jahrelang nicht sieht, mit denen man sich dann irgendwann aber trotzdem trifft und etwas zusammen aufnimmt.

Was macht für dich Rap aus Bochum aus?

Bochum versucht schon immer, speziell zu sein. Man hat hier ja auch große Charaktere und eigene Styles. Ich persönlich bin komplett durch die RAG-Schule gegangen, was bedeutet, dass ich sehr viel Wert auf Worte, Style und guten Flow lege. Ich habe mir damals das Unter Tage-Album reingezogen und kannte die Jungs überhaupt nicht. Bei vielen Sachen wusste ich anfangs gar nicht, was sie bedeuten sollen und noch heute denke ich beim Hören manchmal: „Aha, so kann man das auch verstehen!” Diese doppelten und dreifachen Böden in den Texten und das Spielen mit der Sprache – das habe ich von RAG gelernt. Und ich glaube, das findet sich noch heute in vielem Rap aus Bochum wieder.

Generell machen Bochumer Rapper wenig Kompromisse und viele Leute produzieren Tracks nur für sich und veröffentlichen diese erst gar nicht – [Rheza beginnt zu rappen] „die alten Marotten, keine Platten zu droppen“. Ich habe das Problem ja auch. Und obwohl ich bald ein Album rausbringe, gibt es viel zu viel Material, was wahrscheinlich nie veröffentlicht wird.

Welche Rollen spielen Stadtgrenzen im Ruhrgebiet?

Also ich spreche es zwar manchmal noch in Texten an, aber eigentlich spielen Stadtgrenzen hier gar keine Rolle. Natürlich gibt es die Wittener, die Dortmunder und einen tiefverwurzelten Lokalpatriotismus bei den Menschen hier. Und ja, Dortmund war auch immer ein bisschen rauer als Bochum, sowohl von der Musik her als auch von den Leuten. Aber sonst gibt es für mich keine relevanten Grenzen im Pott. Ich merke das immer nur an den Preisstufen der Bahntickets: A, B oder C.

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2 thoughts on “The Sound of Bochum: Rap mit Rheza

  1. Pingback: Rap aus Bochum: Eine Playlist | Mapping Hip Hop Culture in The Ruhr Area

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