Rap Up: Hangout mit Meller

[English version here]

Wer sich mit Bochumer HipHop-Kultur im Allgemeinen und Rapmusik im Speziellen beschäftigt, wird früher oder später zwangsläufig auf einen Namen stoßen – Meller. Der Bochumer Rapper, der mit bürgerlichem Namen Manuel Meller heißt, begann Mitte der 1990er mit Graffiti und fokussierte sich etwas später auf Rap. Seitdem veröffentlich Meller in regelmäßiger Unregelmäßigkeit seine Musik: Sein Album To The Bone wurde im Dezember 2009 vom Magazin Juice zum Indie-Album des Monats gekührt, weitere Kollaborationen mit anderen Rappern folgten und seine kürzlich erschienene Vinyl-LP Meller On Wax Vol. 1 ist bereits restlos vergriffen. Doch auch ohne Mikrofon in der Hand ist Meller umtriebig: Er begründete mit dem Schuster’s Corner und der Superior Session zwei wichtige Szenetreffpunkte in der Stadt und organisiert heute Workshops für Kinder und Jugendliche, um sie mit HipHop in Berührung zu bringen. Als langjähriger Akteur der Szene ist er meistens involviert, wenn es um HipHop in Bochum geht. Im Rahmen der Superior Session hatte die Bochumer Projektgruppe die Möglichkeit, mit Meller die Ergebnisse des Forschungsprojekts zu reflektieren und den Status Quo von HipHop-Kultur und Rapmusik in Bochum zu besprechen.

Im Rahmen des Projektes haben wir den Eindruck gewonnen, dass Hip-Hop-Kultur in Form von Rapmusik in Bochum zunächst im kleinen Kreis, in Wohnzimmern und Kellern entsteht, bevor sie eventuell ein größeres Publikum findet.

Das kann ich bestätigen, es findet vieles erstmal in einem kleinen Kreis statt. Und natürlich ist es HipHop-Kultur, wenn jemand was für sich in seinem Keller oder Wohnzimmer macht. Aber wirklich relevant für die Kultur wird es vor allem dann, wenn es auch aus dem eigenen Wohnzimmer rauskommt – und beispielsweise an einem Ort landet, an dem Leute aus verschiedenen Gruppierungen sich treffen und was Neues entstehen kann. Sicher beginnt alles erstmal in einem kleinen Rahmen, dort ist es aber auch schwer nachzuvollziehen. Interessant wird es, wenn es über die eigenen vier Wände hinausgeht und Leute – meistens tatsächlich in Bochumer Wohnzimmern – Aufnahmen machen, die dann auch veröffentlicht werden. Und richtig interessant wird es, wenn in Bunkern und Kellern Sessions und Studios entstehen oder es öffentliche Veranstaltungen gibt, bei denen auch Leute etwas davon mitbekommen, die nicht unmittelbar einer bestimmten Gruppe oder einem Bekanntenkreis angehören. Dann wird HipHop-Kultur zu einem Phänomen, dass man auch von außen wahrnehmen kann.

Rheza hat uns erzählt, dass es seiner Meinung nach schon als typisch für Bochum zu bezeichnen ist, dass die Leute ihre Sachen nicht veröffentlichen. Teilst du diese Einschätzung?

Das kann man sicher auf der einen Seite kritisieren und sagen: „Die Leute müssen ihre Sachen raushauen!“ Auf der anderen Seite ist aber auch die Infrastruktur im Entertainment-Bereich, wie beispielsweise Labels und Vermarktung, in keiner anderen Metropolregion so unterentwickelt wie hier im Ruhrgebiet und speziell in Bochum. Auch dadurch wird wenig veröffentlicht, was ich sehr schade finde.

In Bochum fehlt die Infrastruktur?

Ja, die fehlt und wurde nie wirklich aufgebaut, obwohl es einige diverse Leute gab, die die Chance dazu gehabt hätten. Warum das so ist, kann ich auch nicht sagen. Viele Leute hier tendieren dazu, sich sehr auf die Kunst an sich fokussieren; aufs Produzieren und „Machen.“ Und dazu gibt es sehr wenig Leute, die Veranstaltungen machen und versuchen, das Ganze auch zu vermarkten. Dieser Umstand hat Vor– und Nachteile.

Welche wären das?

Nun, das Problem ist ja oft, dass – wenn man versucht, etwas zu vermarkten – es nicht mehr den gleichen Flavor hat. Wer vermarktet, ist an die Gesetze des Marktes gebunden. Und die sagen: Du musst ziemlich schnell ziemlich viel produzieren und die Leute konstant füttern. Das Geschäft mit Rapmusik ist schnelllebig und bleibt natürlich auch vor Trends nicht verschont. Im Radio laufen ungefähr 40 Tracks, die den ganzen Tag gespielt werden. Da bleibt wenig Vielfalt. Dadurch, dass es diese Struktur in Bochum eben nicht gibt, hast du hier viele Leute, die komplett eigenständig interessante Projekte machen. So können sich viele verschiedene Styles entwickeln. Leider bleiben diese vielen verschiedenen Styles meist irgendwann auf der Strecke, weil es ab einem bestimmten Punkt eine gewisse Professionalität erfordert, um Projekte auf das nächste Level zu bringen.

Du hast 2009 die Superior-Session ins Leben gerufen, bei der Leute sich präsentieren und austauschen können. Welche Bedeutung haben solche Orte für die Szene?

Ich finde das sehr wichtig, deswegen haben wir damit angefangen. Auf der Session haben sich sehr viele Leute kennengelernt, die zum Teil noch heute zusammen aktiv sind und es sind auf jeden Fall einige Sachen daraus entstanden. Das ist ein großer Pool für Kreativität: Leute kommen dazu, Nachwuchs kommt dazu – so bleibt die Kultur am Leben und kann sich weiterentwickeln.

Du hast deinen ersten Text 1998 geschrieben und mit Rap angefangen. Das sind jetzt 18 aktive Jahre in Bochum. Welche Veränderungen innerhalb der Bochumer Rap-Kultur hast du in dieser Zeit beobachtet?

Ende der 90er Jahre war die dicke HipHop-Welle noch voll da. Zu der Zeit wurde auch deutscher Rap noch richtig gut verkauft und es gab viele Jams, wie zum Beispiel die Too-Strong-Jams, RAG, Bunkerwelt, Creutzfeld & Jakob, OnAnOn, ABS – diese Ruhrpott-Welle damals. Zu der Zeit war viel los, es war gefühlt jedes zweite Wochenende irgendwo eine Jam, zu der man hingegangen ist und wo richtig viele Leute waren. Es hatte einen gewissen „Underground“-Charakter, hat aber trotzdem sehr viele Leute angezogen. Das ging noch eine Weile so, etwas über 2000 hinaus – und dann kam ein Loch. Da ist niemand mehr auf eine Jam gegangen, weil es kaum noch welche gab: Die Verkaufszahlen in der Musikindustrie sind hart eingebrochen, die Labels haben kein Geld mehr investiert und es konnten keine neuen Künstler mehr unter Vertrag genommen oder die Szene unterstützt werden. In dieses Loch sind wir auch in Bochum reingefallen, also haben wir einfach noch ein paar Jahre in unseren Kellern verbracht.

Einen Keller in Bochum darf man wegen seiner Bedeutung besonders hervorheben: Schuster’s Corner.

Schuster’s Corner ist zwischen 2000 und 2001 entstanden: Der Schuster Chris hatte an der Ecke seinen Schusterladen und im Keller einen Proberaum. Ich war zum ersten Mal mit einem Kumpel da. Mit der Zeit haben wir immer mehr Kollegen angeschleppt und es hat sich zu einem Treffpunkt für die lokale Rapszene entwickelt.

Es scheint, dass die Szene in Bochum seitdem kleiner geworden ist. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Gute Frage – aber vielleicht ist die Frage auch: Was ist kleiner geworden? Es gibt 2016 viel mehr Raphörer als noch Ende der 1990er – jetzt gerade läuft die zweite große HipHop-Welle. Ende der 90er gab es hier auch noch keine Session wie die Superior Session, wo sich eine doch recht große Anzahl von MCs unterschiedlichen Alters sich regelmäßig getroffen hat. Aber Rapmusik hat sich – und das ist glaube ich der entscheidende Unterschied – heutzutage in viele Richtungen diversifiziert. Heute hast du zehn verschiedene Rapgenres, nur innerhalb des Obergenres „Deutschrap.“ Damals gab es nur ein Genre für Leute, die auf Deutsch gerappt haben: Deutschrap. Heute gibt’s deutschen Gangsta-, Straßen-, Rucksack-, Hipsterrap; alles mögliche. Es gibt also eigentlich mehr Hörer, aber erstaunlicherweise finden viele davon, gerade die Jüngeren, diesen ursprünglichen Oldschool-Hip-Hop-Rap irgendwie „strange“ – das Gefühl habe ich zumindest. Viele von denen checken oder kennen die Kultur dahinter gar nicht mehr, weil sie nicht damit groß geworden sind, sondern vielleicht nur einen sehr ausdifferenzierten Aspekt von Rapmusik über das Internet kennengelernt haben als durch die Straße oder Jams.

Diese Diversifizierung betrifft auch die „Säulen“ der Kultur: Rapmusik und Graffiti sind nicht mehr so untrennbar verbunden, wie es früher den Anschein machte. Woran könnte das liegen?

Graffiti war immer schon sehr eigenständig. In den 1980ern haben Leute auch Punk gehört und Graffiti gemalt. Dennoch war immer ein Bezugspunkt zu HipHop da. HipHop selbst hat viele Elemente aus den unterschiedlichsten Musikrichtungen und –kulturen übernommen, ob Rock, Jazz, Blues oder Disco- und Elektroelemente. Sampling ist das Instrument des HipHop. Vielfältigkeit und eine große Bandbreite waren hier schon deshalb vorhanden und das hat es ja auch attraktiv gemacht. Ich glaube, dass sich heutzutage ein so großer Teil von Rapmusik von HipHop an sich entfremdet hat und nur noch kommerzielle Ware darstellt, dass viele Writer damit nichts mehr anfangen können. Graffiti erfordert viel Eigeninitiative, bringt aufgrund der Illegalität ein gewisses Risiko mit sich und bedeutet einen finanziellen Aufwand für die Sprüher, die ihre Kannen kaufen. Da fällt es schwer, Möchtegern-Gangsta-Rapper ernstzunehmen, die eine große Klappe aber keinen Background haben und in erster Linie mit ihrer Musik Geld verdienen wollen. Hier zeigt sich, dass Kommerzialisierung sehr negative Folgen für eine Kultur haben kann.

Rheza hat die Zahl der aktiven Mitglieder der Rap-Community auf etwa 40 geschätzt. Wie ist deine Einschätzung?

Das kommt auf die Kriterien an: Wenn ich jeden mitzähle, der zwischendurch mal einen Beat baut oder einen Text schreibt, dann komme ich sicher auf mehr. Meine ich mit „aktiv“ nur Rapper, die in den letzten zwölf Monaten ein Album veröffentlicht haben – was nötig ist, um überhaupt auf der Bildfläche im deutschen Rapbusiness aufzutauchen – dann wird es schon ziemlich eng. Da haben wir uns hier in Bochum alle nicht mit Ruhm bekleckert [lacht].

Woran könnte es deiner Meinung, dass Rap in Bochum so unter dem Radar ist?

Ich glaube, den Leuten reicht einfach das, was sie haben. Bei der Session im Park auf der Wiese zu rappen finden die cool – und das ist es ja auch. Damit sind die Menschen hier zufrieden. Die Ambition, ein Album aufzunehmen, haben schon einige, aber die Ambition, ein Album in den Charts zu platzieren, hat keiner. Und wenn der Wille dazu fehlt, dann passiert es auch nicht.

Das Subjekt dieses Projektes ist zwar die lokale Kultur in Bochum, in einer Metropolregion wie dem Ruhrgebiet kann man jedoch stets von einer gewissen Vernetzung zwischen den Städten ausgehen. Welche Rolle spielen Stadtgrenzen – und welche Rolle spielt Bochum im Ruhrgebiet?

In der HipHop-Kultur ist Vernetzung immer wichtig gewesen, ganz besonders im Bezug auf Graffiti. Da funktionieren Ruhrgebiets-weite Kooperation, die in vielen anderen Bereichen nicht funktionieren. Im Rap muss man bedenken, dass Konkurrenz zwischen den Leuten immer eine Rolle spielt: Zwar hält jeder gern die Ruhrpott-Fahne hoch, so ein gemeinsames „Ruhrpott-Ding“ im Sinne eines echten Zusammengehörigkeitsgefühls ist aber immer schwierig gewesen. Das gab es ein stückweit mit Too Strong und RAG: Natürlich auch durch den Erfolg, aber vor allem durch die Art und Inhalte der Musik, in der sich stadtübergreifend sehr viele Leute wiedergefunden haben. Das hat damals schon sehr zusammengeschweißt. Heute beziehen sich die Leute wieder stärker auf ihren Kiez, auf ihr Viertel, auf ihre Stadt. Die Szene in Bochum war immer kleiner als in Essen oder Dortmund, aber es ist trotzdem recht viel passiert. Weil Bochum dazwischen liegt und sich hier immer viele Leute treffen: Die Wittener kommen nach Bochum und auch Dortmunder und Essener kommen wahrscheinlich eher hierhin, als die ganze Strecke zu fahren.

Du gibst selbst Workshops bei denen du Kids Rappen beibringst und sie mit HipHop in Berührung bringst. Inwiefern kann die Kultur junge Menschen bereichern?

Es gibt nichts Schöneres, als Kindern und Jugendlichen ein Handwerkszeug zu zeigen, mit dem sie kreativ sein können. Für mich gehört Kreativität zu den wichtigsten Dingen für die persönliche Entwicklung. Da bietet die HipHop-Kultur gerade durch diese Vielfalt aus Wort, Tanz, Bild, Ton und Schrift superviele Zugänge. Du wirst so gut wie kein Kind finden, dass nicht Bock, eine dieser Sachen zu machen.

Gelingt es euch, mit diesen Initiativen auch öffentliche Unterstützung zu gewinnen?

Es gibt in den Behörden und öffentlichen Trägern immer mehr Leute, die total offen dafür sind. Dort sitzt nun eben auch die erste Generation von Menschen, die zum Teil selbst damit aufgewachsen sind oder es zumindest kennen. Da gibt es dann den einen Beamten beim Jugendamt, den Lehrer in der Schule oder den Sozialarbeiter im Jugendzentrum, die sagen: „Wir machen ein HipHop-Projekt.“ Dadurch steigt im Lauf der Zeit natürlich die Akzeptanz, das ist ein Prozess. Früher wurde HipHop eher belächelt. Aber auch unter den Älteren gibt es viele coole Leute, die total engagiert sind. Leider sind im gerade im Ruhrgebiet die meisten Städte und Kommunen pleite, da wird es oft schwierig, mal ein paar hundert Euro für ein stadtweites Graffiti-Projekt zusammenzukriegen. Für ein Konzerthaus reicht es dann seltsamerweise doch…

https://www.facebook.com/meller.rap/posts/10158129029615261

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