Diversität feiern: DiverCity

[English version here]

HipHop-Kultur wird oft als aus vier Elementen bestehend beschrieben und wahrgenommen: MCing [Rapping], DJing, Breakdancing und Graffiti. Jedes Element steht für sich selbst und die meisten Akteure legen ihren Fokus auf eine der Disziplinen: Das gesprochene Wort, die Musik, der Tanz oder das geschriebene Wort. Die Maxime ist jedoch bei jedem Element dieselbe: Style und Skill. Angehende MCs, DJs, Writer und Breaker entwickeln im Laufe der Zeit ihre eigene individuelle Art zu Rappen, Musik zu machen, zu tanzen oder malen. „Realness“ und Authentizität sind die Schlüsselworte. „Biting“ und „Faking“ – das Imitieren anderer Stile anstatt eigene zu entwickeln – werden generell als schwach angesehen und sind verpönt. In diesem Kontext präsentiert sich HipHop als eine Kultur, die aktiv Vielfalt unterstützt und Individualität belohnt, wenn sie mit entsprechenden Skills untermauert ist. Die Akteure werden ermutigt, so gut wie nur möglich „ihr eigenes Ding zu machen“, sich selbst zu präsentieren und Anerkennung zu erhalten, während gleichzeitig auch die Werke und Leistumgen anderer respektvoll anerkannt werden.


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Diese Ermutigung zum individuellen Selbstausdruck und respektvollen Pluralismus motivierte Jonas Zolyniak, einen 24-jährigen Bochumer und Studenten der Soziologie, dazu, einen multinationalen HipHop-Workshop im Herzen Bochums zu gestalten. Jonas und seine Mitstreiter, die sich selbst „Urban Roaches“ nennen, brachten das Projekt DiverCity zum Leben, welches 2016 in die zweite Runde ging. Über die Dauer von zwölf Tagen erforschen hier Jugendliche aus Spanien, Polen, und Italien sowie Flüchtlinge, die in Bochum leben, die Begriffe Heimat, Reise, Vertrauen, Bedürfnis und Heilung durch Rap, Tanz, Graffiti und Theater. Die Workshops werden von Experten aus der lokalen HipHop Szene geleitet; so leitet beispielsweise Rap-Veteran und Szene-Aktivist Meller den Rap-Workshop. Obwohl er den Workshop organisieren und mitleiten musste, konnte Jonas Zeit finden, um über das Projekt zu reden.

Warum ist die HipHop-Kultur so gut geeignet, um einen interkulturellen Dialog zu schaffen?

Jonas Zoliniak

Jonas Zolyniak, DiverCity. [Screenshot, Quelle: https://youtu.be/CJj4bYx40V8]

In dieser Dokumentation erklären Jonas und seine Kolleg*innen tiefgehend ihre Bildungsansätze am Beispiel eines anderen Projekes (50 min.)

Im HipHop geht es ganz stark um die eigenen Skills – und die versuchen wir hier im Workshop zu fördern. Um zu zeigen, dass es im HipHop auch um Ausdruck, Delivery und deine Geisteshaltung geht. Man muss lernen zu akzeptieren, dass jemand vielleicht krasser ist und die besseren Argumente hat und verstehen, dass das überhaupt nicht schlimm ist, weil es ein „each one teach one“ ist: Die Leute unterstützen sich gegenseitig und können sich die Meinung sagen. Dafür bietet Hip-Hop den perfekten Rahmen. Die Teilnehmer des Workshops lernen, dass sie nur einen kleinen Raum haben, dass sie miteinander klarkommen müssen und dass sie auch mal aggressiv sein dürfen, ohne sich gleich auf die Fresse hauen zu müssen: Sie können sich beim Tanzen miteinander battlen und gucken, wer beim Graffiti die geileren Skills hat oder beim Rappen besser flowt. Beim HipHop wird schnell klar, dass die Leute einen anderen Background und ein anderes Wissen haben und deswegen ist es die beste Art und Weise, Argumente auszutauschen. Und wenn man beispielsweise anfängt zu rappen und lernt, wie man die Stimme einsetzt, dann kann man seine Argumente besser verpacken und kräftiger rüberbringen. Beim Tanzen kann man mit seinen Moves entweder offensiv fronten oder im Gegenteil jemandem passiv etwas von sich geben. Man hat die Möglichkeit alles von sich zu zeigen.

Die Workshops des Projektes beschäftigen sich mit Rap, Breakdance, Graffiti und Theater. Welche Role spielen die einzelnen Disziplinen?

Zunächst denke ich, dass Graffiti und Tanzen großartige nonverbale Ausdrucksmittel sind. Wir haben Leute aus vielen verschiedenen Ländern dabei und nicht alle sprechen Englisch, daher ist es ein guter Einstieg für die Flüchtlinge und die anderen Kids aus Spanien, Italien und Polen, um eine Methode zu finden sich auszudrücken. Der Rap-Workshop eignet sich dafür, noch tiefer in die Thematik einzusteigen und zu zeigen, wie man selber Texte schreibt und vor allem wie man sich selber darstellt. Rap kommt viel über die Attitüde und die Art und Weise, wie man etwas sagt: Man kann Dinge ganz ruhig und schüchtern sagen oder schreien und aggressiv brüllen, das hat sofort eine andere Wirkung. Und das ist es, was wir den Kids zeigen wollen: Dass es nicht nur darauf ankommt, was sie sagen, sondern auch, wie sie es sagen. Dafür ist Rap das perfekte Instrument. Das Tanzen ist ein großartiger Zugang zum eigenen Körper und der eigenen Kreativität und dem, was man alles damit machen kann. Graffiti ist ein Ausdrucksmittel für Leute, die ihr Viertel und ihre Umgebung wiederhaben und damit interagieren wollen. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir irgendwen zum illegalen Bomben anstiften wollen, denn Graffiti ist weit mehr als das. Es bedeutet auch, dass man in der Lage ist, ein cooles Bild mit einer gewissen Aussage zu malen, dieses vielleicht zu veröffentlichen und über diese Art und Weise zu kommunizieren. Wir machen Street Art mit den Kids um ihnen zu zeigen, dass sie auch anonym mit der Öffentlichkeit kommunizieren und so eingreifen können in die Realität anderer Leute. Schließlich haben wir noch Theater ins Programm genommen. Einerseits für die Leute, die auf die anderen Sachen keinen Bock haben und auf der anderen Seite, weil Theater ein großartiges Mittel ist, um politisch zu agieren. Um Missstände, Geisteshaltungen oder Gefühle zu transportieren, die die Kids haben.

Wie würdest du HipHop-Kultur in Bochum beschreiben?

Meiner Meinung nach gibt es sehr viel Rap hier, aber leider tritt es nicht so in den öffentlichen Raum. Es passiert viel im Untergrund und die Szene lebt für sich. Es gibt nicht viel öffentliche Anerkennung, wie zum Beispiel Unterstützung von Fördervereinen für HipHop-Projekte. Es gibt ein paar kleine Leute, die mit Hip-Hop arbeiten und Theater und so weiter machen, wie die Urbanatix oder Pottporus. Aber im Grunde lebt der Hip Hop, den wir zu vermitteln versuchen – also die Kultur und nicht nur das Mittel – im Untergrund. Die Art und Weise, wie hier in Bochum HipHop und Rap gemacht wird, will gar nicht massentauglich sein: Es hat sich eingependelt unter den Leuten, dass es unter uns bleibt, das es quasi „unsers“ ist. Die meisten Leute hier wollen keinen Umsatz machen, sondern die Realness hochhalten. Es geht um die Seele, nicht ums Geld.

Das DiverCity Projekt 2016 endete mit einer zweitägigen Präsentation, gestaltet durch die Teilnehmer. Dieses Video liefert eine audiovisuelle Zusammenfassung.

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