Come Together: Räume & Orte in Bochum

[English version here]

Als in den früher 1980er Jahren auch im Ruhrgebiet erstmals eine junge HipHop-Kultur in Erscheinung tritt, entsteht gleichzeitig ein Bedarf an Orten und Räumen, an denen die neue Gemeinschaft sich treffen, austauschen und gemeinsam aktiv werden kann. Die meisten lokalen Akteure erklärten in Interviews mit der Bochumer Projektgruppe, dass HipHop-Kultur ihren Anfang fast immer in überschaubaren geschlossenen Kreisen wie den eigenen Wohnungen, Proberäumen oder privaten Studios ihrer Anhänger findet: Hier entwickeln Rapper entweder gemeinsam oder allein ihre Reime und schreiben Texte, hier produzieren Musiker und Graffiti-Writer ihre jeweiligen Skizzen, aus denen später Songs oder Bilder entstehen können. Doch wie in jeder anderen Kultur auch existieren auch im HipHop gewisse Räume und Orte von überragender Bedeutung, an denen in besonderem Maße Kultur erschaffen, gefördert und vorgetragen wird.

Als Orte von besonderer kultureller Signifikanz sind beispielsweise Veranstaltungsorte zu verstehen, an denen Künstler ihre Musik vor Gleichgesinnten performen können. Ebenso gehören dazu auch andere kulturrelevante Treffpunkte, wie beispielsweise Kleidungs- oder Plattenläden, in denen Szenegänger sich treffen und austauschen, sowie Aufnahmestudios, in denen neue Musik produziert wird, wie auch organisierte Sessions und Jams, bei denen Künstler ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen und sich miteinander messen können.

In den mehr 30 Jahren, in denen sich Hip-Hop-Kultur in Bochum entwickelt hat, haben sich auch die kulturell signifikanten Hotspots verändert: Einige sind nach gewisser Zeit wieder verschwunden, andere sind noch immer aktiv. Es war das Ziel der Bochumer Projektgruppe, diese Orte zu kartografieren; Orte, an denen HipHop-Kultur in Bochum entsteht oder entstanden ist. Sie finden diese Karte am Ende dieses Posts.

Während der Forschungsphase hatte die Bochumer Projektgruppe die Möglichkeit, mit einem der Organisatoren der Superior Session zu sprechen. Rajmund Legere (31) ist seit vielen Jahren aktives Mitglied der lokalen HipHop-Community. Als Rapper veröffentlichte er 2001 seine ersten Songs, mittlerweile hat er seinen Fokus auf die Organisation szenerelevanter Veranstaltungen verlegt. Des weiteren arbeitet er für die lokale Medienplattform www.ruhrpotthiphop.com und dokumentiert HipHop als Fotograf und Filmer.

Er erinnert sich an die Schwierigkeiten, mit denen sich lokale Rapper auf der Suche nach Auftrittsmöglichkeiten konfrontiert sahen:

Es gab diesen Laden namens Treibhaus im Bermudadreieck [Kneipen– und Ausgehviertel in Bochum] und dort haben sie jeden Freitag offene Karaokeabende veranstaltet. Dort habe ich Piznut Hightower [ein Bochumer Rapper] getroffen. Wir begannen uns über Rap zu unterhalten und darüber, dass es in Bochum so gut wie keine Auftrittsmöglichkeiten für uns gab. Also habe einfach angefangen, meine eigenen Beats zum Karaokeabend mitzubringen und darüber zu rappen. Einmal kamen andere Rapper auf die Bühne und haben versucht, mich zu battlen, besser als ich zu sein – und ich hab sie der Reihe nach wieder runtergeschickt, einen nach dem anderen, sieben hintereinander. Ich kann nicht einmal behaupten, dass mein Rap besonders dope [ziemlich gut] gewesen wäre; ich wollte einfach nur vor Leuten rappen. Das ging ein halbes Jahr so, jeden Freitag. Es war bestimmt auch manchmal wack [ziemlich schlecht], aber für mich war es der pure Spaß.

Die Superior Session steht allen interessierten Besuchern offen und findet jeden ersten Donnerstag im Monat statt. Hier haben lokale Rapper die Chance, ihre Fähigkeiten vor größerem Publikum zu demonstrieren und sich in der Cypher mit anderen in einem nicht allzu ernsten, verbalen Schlagabtausch zu messen. Weitere Interessierte wohnen der Session bei, um sich zu treffen, auszutauschen, gemeinsam Zeit zu verbringen und jenen zuzuhören, die gerade das Mikrofon in der Hand haben. Wenn die Cypher beendet ist, klingt der Abend bei Musik, Gesprächen und Getränken aus. So ist die Superior Session sicherlich das Vorzeigebeispiel für eine stadtweite Zusammenkunft der Bochumer HipHop-Community.

Als die Superior Session 2009 vom Lokalveteranen Manuel Meller ins Leben gerufen wurde, war ihr erster Spielort der Zwischenfall; ein bekannter alternativer Club in Bochum-Langendreer, der 2011 niederbrannte. Gemeinsam mit den Rappern Proton und Jubatai verlegte Rajmund die Session in die Eve-Bar, den Club des Bochumer Schauspielhauses. Nach der Schließung der Eve-Bar 2014 musste die Superior Session abermals umziehen; diesmal in den Untergrund Club. Ende 2016 fand die Session dann im Riff Bochum statt, seit dem 2. März 2017 ist sie im Club Trompete, Viktoriastraße 45, zuhause. Im Sommer wird die Session bei gutem Wetter oft nach draußen in einen Park verlegt.

Die Gründung der Superior Session und ihre Reise von einem Ort zum anderen ist nur eines der vielen Beispiele für die Vielfältigkeit kulturell relevanter Orte in der lokalen HipHop-Kultur und der steten Veränderung, der sie unterworfen sind. Für HipHop wie auch für andere Subkulturen ist es eine ständige Herausforderung, sich fluktuierenden äußeren Umständen anzupassen und eigene Nischen und Orte zu schaffen.

Im Rahmen unserer Recherche wollten wir diese Orte identifizieren und in einer Karte zusammentragen. Mit der hilfreichen Unterstützung von Rajmund, Rheza und Jonas haben wir versucht, Räume mit der größten gemeinsamen Relevanz zu verorten. Diese Karte erhebt keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit, denn HipHop-Kultur in Bochum findet nach wie vor eher abseits des Mainstreams statt und die Bewertung der Relevanz eines Ortes ist stets auch an der persönlichen Perspektive geschuldet. Wenn Sie einen wichtigen Ort auf unserer Karte vermissen, freuen wir uns sehr über einen Kommentar mit entsprechendem Hinweis. Unser Ziel ist es, eine möglichst umfassende Karte zu erstellen.

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2 thoughts on “Come Together: Räume & Orte in Bochum

  1. Pingback: Rap aus Bochum: Eine Playlist | Mapping Hip Hop Culture in The Ruhr Area

  2. Pingback: Rap up: Hangout mit Meller | Mapping Hip Hop Culture in The Ruhr Area

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